Anfrage F0307/24 Wegfall der Planstelle Zeitgeschichte
mit Stellungnahme S0530/24
Die jüngere Geschichte und vor allem die Zeiten, die die heute Lebenden noch selbst erlebt
haben, oder über die ihre Eltern und Großeltern erzählt haben, sind von besonderer
identitätsbildender Bedeutung und haben daher auch in den Lehrplänen der Schulen besonders
Gewicht. Neben dem Stadtarchiv ist das Kulturhistorische Museum für die Magdeburger Schulen und die Magdeburger Bevölkerung im Allgemeinen der Partner, bei dem das familiär überlieferte Wissen und das allgemeine historische Wissen mit der städtischen Überlieferung verknüpft und abgeglichen wird. Das Kulturhistorische Museum hat mit einem Ausstellungszyklus zum Nationalsozialismus, zur
Zerstörung der Stadt und zum Wiederaufbau wesentlich zur Aufarbeitung der Geschichte der
Stadt in jener Zeit beigetragen und sich in den vergangenen Jahren mit identitätsstiftender
Wirkung mit der Magdeburger Moderne in der ersten Zeit mit demokratischer Verfassung, der
Weimarer Republik, angenommen. Das Jubiläumsjahr der Theaterausstellung von 1927 steht
demnächst bevor. Dem Kulturausschuss wurde versprochen, dass das Kulturhistorische Museum in den
kommenden Jahren auch verstärkt die Zeit der DDR in den Blick nimmt. Nach Auskunft des
Kulturhistorischen Museums ist die wissenschaftliche Betreuung zweier großer
Museumssammlungen, der „Sammlung Stadtgeschichte“ und der „schulgeschichtlichen
Sammlung“ mit der nun anderweitig verwendeten Stelle verbunden.
Durch die Überführung der Planstelle eines wissenschaftlichen Sachbearbeiters/einer
wissenschaftlichen Sachbearbeiterin für Zeitgeschichte in die Fachbereichsleitung Kunst und
Kultur ist dem Kulturhistorischen Museum nun eben diese Planstelle entzogen worden.
Ich frage daher die Oberbürgermeisterin:
1. In welcher Form soll das Kulturhistorische Museum nach der Überführung der Planstelle
eines wissenschaftlichen Sachbearbeiters/einer wissenschaftlichen Sachbearbeiterin für
Zeitgeschichte in das Kulturbüro auf dem Gebiet der jüngeren Geschichte handlungsfähig
bleiben?
2. Inwieweit ist das Kulturhistorische Museum personell und finanziell in die Lage gesetzt,
mit einer überregional ausstrahlenden Sonderausstellung zu dem Jubiläum der
Theaterausstellung 1927 im Jahr 2027 beizutragen?
3. Inwieweit ist das Kulturhistorische Museum personell in der Lage, der im Frühjahr dem
Kulturausschuss gegebenen Zusage zu erfüllen, sich auch nach Wegfall des Projekts
„Feeling East“ in den kommenden Jahren verstärkt der musealen Aufarbeitung der DDRZeit zu widmen?
4. Inwieweit finden Lehrerinnen und Lehrer im Kulturhistorischen Museum noch
ausgewiesene Ansprechpartner zu Magdeburg in der Zeit des Nationalsozialismus, der
im Lehrplan der Schulen eine besondere Bedeutung zukommt.
5. Inwieweit ist die wissenschaftliche Betreuung der „Sammlung Stadtgeschichte“ mit ca.
10.000 Objekten gewährleistet, die auf Grund der Nähe zur Jetzt-Zeit eine besondere
Dynamik hat und eine besonders intensive Betreuung benötigt?
6. Inwieweit ist die wissenschaftliche Betreuung der „schulgeschichtlichen Sammlung“ mit
ca. 8.000 Objekten gewährleistet, für die im vergangenen Jahr aus Bundes- und
Landesmitteln sowie aus kommunalen Mitteln eine neue Dauerausstellung eröffnet
wurde?
7. Hat der vom Stadtrat zuletzt im Museumskonzept von 2013 (DS0060/14) beschlossene
Auftrag, dass das Kulturhistorische Museum als kulturelles Gedächtnis der Geschichte
Magdeburgs von den Anfängen menschlicher Besiedlung bis heute fungiert, noch
Bestand?
Stellungnahme der Verwaltung
Die Bedeutung der Geschichte des 19., 20. und 21. Jahrhunderts im Aufgabenspektrum des
Kulturhistorischen Museums steht außer Frage und soll in den kommenden Jahren eher
ausgebaut als eingeschränkt werden.
Hierfür wird auch zukünftig qualifiziertes Fachpersonal (ein/e wissenschaftliche/r
Sachbearbeiter*in / Kurator*in in Vollzeit) mit der entsprechenden Hochschulausbildung
(Historiker*in; Kunsthistoriker*in mit fachlichem Schwerpunkt in den entsprechenden
Jahrhunderten) vorgesehen sein, um in diesem Fachgebiet dieselbe Expertise aufrecht zu
erhalten, wie es im Bereich der Archäologie, der Vormoderne, der Betreuung der historischen
Kunstsammlungen und der graphischen Sammlung gegeben ist.
Die Planstelle eines wissenschaftlichen Sachbearbeiters/einer wissenschaftlichen
Sachbearbeiterin für Zeitgeschichte wurde dem Kulturhistorischen Museum nicht entzogen und
wird daher schnellstmöglich wiederbesetzt.
Zu Ihren Fragen:
1. Mit Wiederbesetzung der Vollzeitstelle wissenschaftliche/r Sachbearbeiter*in
Zeitgeschichte ist das Kulturhistorische Museum auf dem Gebiet der jüngeren Geschichte
wieder handlungsfähig.
2. Derzeit erarbeiten die Direktorin des Kulturhistorischen Museums und die Kuratorin der
Kunstsammlungen ein Konzept für eine Sonderausstellung zum Jubiläumsjahr der
Theaterausstellung 1927.
Sobald die Stelle wiederbesetzt ist, wird das Kulturhistorische Museum entscheiden, ob
und in welchem Umfang die Sonderausstellung mit Leihverkehr, ansprechender
Gestaltung und gegebenenfalls Katalog zeitlich noch umsetzbar ist. Gegebenenfalls
kann nur eine Kabinettausstellung verwirklicht werden.
3. Bei der Neubesetzung der Vollzeitstelle wissenschaftliche/r Sachbearbeiter*in
Zeitgeschichte wird darauf geachtet werden, dass der zukünftige Stelleninhaber/ die
zukünftige Stelleninhaberin die fachlichen Voraussetzungen mitbringt, die DDRGeschichte Magdeburgs adäquat museal aufarbeiten zu können.
4. Mit der Neubesetzung der Vollzeitstelle wissenschaftliche/r Sachbearbeiter*in
Zeitgeschichte werden Lehrerinnen und Lehrer im Kulturhistorischen Museum wieder
ausgewiesene Ansprechpartner zu Magdeburg in der Zeit des Nationalsozialismus
vorfinden.
5. Die Sammlung Stadtgeschichte wird derzeit provisorisch von den Sammlungs-leiter*innen
der anderen Sammlungen mitbetreut. Die Annahme von Objekten erfolgt unter Vorbehalt.
Eine wissenschaftliche Erschließung der Bestände erfolgt derzeit ebenso wenig wie die
Erstellung eines Sammlungskonzeptes.
6. Die Sammlung Schulgeschichte wird derzeit provisorisch von den Sammlungsleiter*innen der anderen Sammlungen mitbetreut. Die Annahme von Objekten erfolgt unter
Vorbehalt. Eine wissenschaftliche Erschließung der Bestände erfolgt derzeit ebenso
wenig wie die Erstellung eines Sammlungskonzeptes.
7. Derzeit wird das Museumskonzept von 2013 überarbeitet. Die Aufgabenstellung des
Kulturhistorischen Museums, die menschliche Kultur im Raum Magdeburg von den
Anfängen bis zur Jetztzeit zu betrachten, bleibt hiervon unberührt.
Stieler-Hinz